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Hoffnungs- und Friedenssprossen - Begegnungen und Eindrücke in der Ukraine

Kharkiw liegt im Osten der Ukraine. Mit 1,5 Millionen Bewohnern ist sie die zweitgrößte Stadt des Landes nach Kiew. Der Hauptbahnhof der Stadt ist im Stil des stalinistischen Pseudorealismus oder Zuckerbäckerstils errichtet. In der damaligen Hauptstadt der Sowjetrepublik Ukraine präsentierte der Sowjetstaat so seinen (Welt-) Machtanspruch. In riesigen Eingangs- und Wartesälen, mit Kronleuchtern und Deckenbildern ausgestattet, herrscht ein reges Treiben der Fahrgäste.
Der Kontrast zur Bleibe des Caritaszentrums der griechisch katholischen Eparchie Kharkiw ist gewaltig. Neben dem Parkplatz eines Supermarkts steht ein mehrstöckiger Büro- und Mehrfamilienhaus, das seine besseren Tage hinter sich hat. Die erste Etage hat die Caritas für Ihre Projektteams sowie für eine Kindergartengruppe und die „Garderobe der Solidarität“ gemietet. - Garderobe der Solidarität, das ist eine Kleiderkammer, in der bedürftige Menschen und Familien Kleider erhalten können, die Menschen aus der Stadt beständig spenden.
Für mich ist das einer der Hoffnungssprossen: Das Bemühen, selbst in der eigenen Stadt zu helfen, Kleidung abzugeben, die nicht mehr gebraucht wird, als Freiwilliger in der Kleiderkammer mitzuarbeiten und als Empfänger von Kleidern diese wieder zurückzubringen und zu tauschen, etwa wenn die Kinderkleidung zu klein geworden ist. Infolge des Kriegs in der Ostukraine ab 2014 sind Zehntausende geflüchtet und in die Stadt Kharkiw gezogen. In einer Vielzahl von Familien gibt es traumatisierte, verwundete oder umgekommene Männer, die in der Armee oder in den Freiwilligen-Bataillionen an der Front eingesetzt waren. Sie und alle Familien in der Stadt mit geringem Einkommen leiden unter der Verteuerung von Nahrungsmitteln und den gestiegenen Wohnungsmieten. Es macht darum für die Caritas keinen Sinn zu unterscheiden, ob es geflüchtete Familien sind, die auf Unterstützung hoffen, oder Menschen, deren Lebensbedingungen in der Stadt schwieriger geworden sind - die Unterstützung wird gebraucht und Bürger in der Stadt sind bereit, solidarisch zu helfen, z.B. in der Garderobe der Solidarität.

Zwei Räume weiter im Caritas-Zentrum wurden wir gebeten, grüne Küchenschürzen anzuziehen. Wir - das ist eine Gruppe von Weltkirche-Referenten aus den Diözesen Mainz, Speyer, Limburg und weiteren, die in Begleitung des Länderreferenten von Renovabis für die Ukraine Joachim Sauer im November 2019 unterwegs waren. Tatjana K. und weitere Frauen, die mit Kindern und Jugendlichen mit Down-Syndrom arbeiten, bitten uns, in Plastikschalen Erde zu füllen, Samen unterschiedlicher Gemüsesorten hinein zu streuen und gut zu gießen. In Regalen sind Ergebnisse zu sehen, Sprossen der aufgegangenen Samen. Seit zwei Jahren haben sie das Projekt entwickelt, um einerseits den Kinder Fertigkeiten zu vermitteln und um mit ihnen und ihren Müttern andererseits wertvolle Lebensmittel wachsen zu lassen, aus denen sie Smoothies, Reibekuchen mit Sprossen, Dips mit Sprossen und mehr herstellen können. Das bereichert den Speiseplan der beteiligten Familien - und die Bilder an den Wänden zeigen es, - das lässt den Stolz der Kinder und Jugendlichen auf ihre Produkte wachsen. Aus einem durch eine Sozialpädagogin angeregtem Projekt ist inzwischen eine selbstorganisierte Gruppe geworden - mit weiteren Ideen. Ein Kochbuch, natürlich für Gerichte mit Sprossen, ist entstanden. Die Frauen träumen davon, ihre Smoothies und Snacks auch an einem Verkaufsstand anbieten zu können. Sprossen der Hoffnung, mit dem Substrat von Kreativität, Eigenverantwortung und dem dafür nötigen Raum im Caritas-Zentrum.

 

40 km entfernt von der Frontlinie, die in diesen Tagen durch die vereinbarten weiteren Truppenentflechtungen einen neuen Versuch der Deeskalation erfahren, liegt die Stadt Kramatorsk. 2014 war auch sie von den Separatistengruppen besetzt und wurde wieder befreit. Die Zeichen des Krieges sind als Einschusslöcher an manchen Fassaden und auch in der kleinen Holzkirche zum Hl. Elias von Pfarrer Vasyl Ivasjuk zu entdecken. Durchschossene Fenster bezeugen bis heute die Wunden des Krieges in dieser Region. Den Schülern, die uns in der Mittelschule von Verkhnokamianske im Bezirk Artemivsk / Bakhmut in der Pufferzone mit einem Lied und Gedicht willkommen heißen, sieht man äußerlich keine Wunden und Narben an. Sie sind fast festlich gekleidet mit Hemden, die mit den traditionellen Ornamenten bestickt sind. An diesem Tag ist Olga N. an der Schule, eine Psychologin und Mitarbeiterin der Caritas Kramatorsk. An einer Reihe von Schulen entlang und in der Pufferzone arbeitet sie mit den Schülern, die mit den Erlebnissen und Erfahrungen der Konflikte belastet sind. Sie vermittelt ihnen zum Beispiel Techniken, wie sie mit dem Stress, der durch die Erlebnisse von Kämpfen und nächtlichen Schüssen entsteht, aktiv umgehen können. Malen zu unterschiedlichen Musikstücken und der Austausch über die erfahrenen Emotionen helfen den Schülern, sich ihrer Belastungen bewusst zu werden und nicht nur unbewusst etwa in Gewalttätigkeit oder Depression zu reagieren.
Der größten Wünsche der jungen Leute in diesem Dorf mit 1.000 Einwohnern sind, dass der Konflikt wirklich endet und dass sie aus der Sackgasse von fehlenden Arbeitsplätzen und weiterer Abwanderung herauskommen. Pfarrer Vasyl hat dazu in Kramatorsk konkrete Ideen. Mit der Zucht von Weinbergschnecken die Chancen der landwirtschaftlichen Nutzung zu erhöhen oder eine kleine Kerzenproduktion aufzubauen und die Kerzen per Internethandel zu verkaufen.

Es sind die konkreten Dienste in der psychologischen Begleitung, in der Organisation von Kleiderkammern und Klein- und Sozialunternehmen, mit denen Pfarrer Vasyl und die Teams der Caritas mit Unterstützung von Renovabis die Menschen bestärken: Aus kleinen Initiativen können wie aus Samenkörnern Hoffnungs-Initiativen sprossen, die solidarische Aufmerksamkeit und Sorge umeinander können Grundlage für einen weiteren langen Weg der Verständigung und für die Bereitschaft zu Aussöhnung werden.

Ludwig Kuhn