Gisela Häring

Gisela Häring

Ein Sabbat-Jahr in Indien verbringen – das war die Idee von Gisela Häring. Aus dem einen Jahr sind mittlerweile 12 geworden, die die gebürtige Urmitzerin nun schon auf dem Subkontinent lebt und mit und für Frauen und Kinder im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu arbeitet.

Als sich Häring zu der Auszeit entschloss, hatte die gelernte Krankenschwester siebzehn Jahre eine Krankenpflegeschule in Lebach geleitet, die sie – unterstützt von der damaligen saarländischen Gesundheitsministerin und früheren Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Rita Waschbüsch - aufgebaut hatte. „Die Schule lief blendend. Die Herausforderung war einfach nicht mehr so hoch“, erinnert sich die 63-jährige Häring. Durch die Vermittlung der Schönstattpatres bekam Häring die Möglichkeit, nach Trichy zu kommen und dort in einem Kinderheim mitzuhelfen. „Ich konnte die Sprache nicht, doch die Kinder waren mir zugetan. Sie hatten vorher Schläge und Misshandlungen erlebt.“

Kinder und Jugendliche liegen der Frau mit den grauen Haaren und dem freundlichen Lächeln sehr am Herzen, das wird in den Gesprächen mit ihr schnell deutlich. Nach ihrer Ausbildung und der Arbeit im Koblenzer Brüderhaus hatte Häring 1978 eine Zusatzqualifikation als Ausbilderin für Pflegekräfte erworben und danach als Leiterin der Pflegeschule im Wittlicher Kreiskrankenhaus gearbeitet. 1983 kam sie ins Saarland und war parallel zu ihrer Arbeit immer in der Jugendarbeit aktiv, in verschiedenen saarländischen Orten.

In Trichy lernte Häring die Sprache Tamil und half im Adoptionszentrum: „Das war aber sehr schwierig für mich. Mein Herz hat jedes Mal geblutet, wenn wir ein Kind weggegeben haben.“ Also arbeitete sie in einem Dorfentwicklungsprojekt der Holy-Cross-Fathers mit. Und der Entschluss reifte: „Ich möchte mich hier niederlassen.“ Mit der Zustimmung des Ortsbischofs suchte sich Häring, die der Schönstatt Gemeinschaft „Maria auf dem Weg“ angehört, eine Wohnung in Viralimalai und gründete einen Verein als Grundlage für ihre soziale Arbeit. „Deepam“ heißt der Verein, „Ein Licht für Indien“. Ihre erste Anschaffung war eine Nähmaschine und sie stellte eine Schneiderin ein. Seitdem hat Häring ein „offenes Haus“, wie sie selbst sagt, in dem Frauen mit Näharbeiten ihren Lebensunterhalt verdienen.

Zunächst lebte und arbeitete sie in einem angemieteten Haus, streckenweise mit zwölf anderen Frauen zusammen. Mittlerweile gibt es zwei eigene Häuser, die 2007 und 2010 eingeweiht wurden. Zehn Frauen arbeiten derzeit dort und produzieren Handtaschen, Tischläufer, Krabbeldecken oder Tischsets. „Wir produzieren für den deutschen Geschmack“, erklärt Häring, denn die Sachen würden alle in Deutschland, und zwar vornehmlich im Saarland, angeboten. Etwa bei den Adventsbasaren in Schmelz und Losheim, wo die Stoffprodukte mittlerweile stark nachgefragt werden.

Das Haus sei eine Anlaufstelle für die gesamte Nachbarschaft, erzählt Häring. Deshalb habe sie einen Lehrer eingestellt, der Nachhilfeunterricht für die Kinder anbietet. Aber auch für Frauen, die Probleme haben, stehe das Haus stets offen. „Viele Frauen werden von ihren Männern geschlagen“, berichtet Häring. Frauen seien in Indien oft nicht gleichberechtigt. Gewalt gegen Frauen und Kinder sei an der Tagesordnung. Dazu komme, dass gerade Männer aus ärmeren Verhältnissen zusätzlich ein Alkoholproblem hätten. „Aber die Frauen verlassen ihre Männer nicht. Denn: eine Frau ohne Mann – das geht hier gar nicht.“ Also bietet Gisela Häring den Frauen einen Zufluchtsort, Beratung – und eben die Möglichkeit, ihr eigenes Geld zu verdienen und so unabhängig zu werden. Doch wird sie als Frau denn respektiert? „Ich habe eine gewisse Autorität, weil ich weiß bin. Aber auch, weil die Menschen wissen, dass ich helfe“, ist Häring überzeugt.

Dass sie zu einer religiösen Gemeinschaft gehört, spiele für die – meist hinduistische Bevölkerung – keine große Rolle. „Von Katholiken werden die sozialen Dienste angenommen. Im Gegensatz zu den evangelischen Kirchen missionieren wir aber nicht, darauf legen die katholischen Bischöfe großen Wert.“ Ihre Gemeinschaft „Maria auf dem Weg“ ist in die Pfarrgemeinde eingebunden, gestaltet einmal monatlich den Gottesdienst mit und feiert ebenfalls monatlich einen Hausgottesdienst.

Sicher sei es nicht immer einfach, die Arbeit in Tamil Nadu aufrecht zu erhalten. Der Verein lebt von Spenden, die sie für ihre Nähsachen erhalten. Da helfen dann oft nur persönliche Kontakte, etwa zu zwei Schneiderinnen aus Schmelz, die vor einigen Jahren für vier Wochen zu Häring reisten und die Frauen anleiteten. Oder zur Deutschen Bank, die zwei jungen Frauen die Ausbildung als Designerinnen ermöglichte. Mittlerweile wird der Verein Deepam auch von der Diözesanstelle Weltkirche des Bistums Trier unterstützt.

Häring fühlt sich in Indien zuhause: „Hier kann ich noch etwas bewirken.“ Ihre Kraft schöpft sie aus der Verbundenheit zu Schönstatt und seinem Heiligtum. Via Skype erhält sie auch eine geistliche Begleitung; der Austausch ist ihr wichtig. „Ob ich hier sterbe, weiß ich nicht. Aber solange es mir gut geht, bleibe ich.“
(Text: Bischöfliche Pressestelle - 2.4.2014)